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Tod und Auferstehung

Ein Workshop von Paul Rebillot

Artikel von Franz Mittermair, erschienen 1994

Nur noch zwei Tage zu leben. Der Abschied von Mutter fiel leicht, leichter als erwartet. Kaum mehr Vorwürfe. Dafür ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit. Dafür, dass sie mir das Leben geschenkt hat. Ich kann in Frieden von ihr gehen.

Bei Vater war es schwieriger. Vieles, was ich ihm nie gesagt hatte und jetzt endlich los werde. Doch zuletzt endlich auch Wärme, Liebe, Verständnis. Was sind schon alltägliche Kränkungen angesichts des Todes?

Zwei von den vier Tagen sind schon vorbei, die ich noch habe, um alles ein letztes Mal intensiv zu erleben und zu verabschieden, was mein Leben ausmacht. Zur Natur habe ich schon adieu gesagt, zu meinen Habseligkeiten, zu den Menschen, die mir wichtig sind.

Die Zeiten sind lange schon vorbei, wo ich es nicht ernst nahm, in ein paar Tagen sterben zu müssen. Jetzt bin ich mitten im Abschiedsprozess. Für mein Erleben ist es Realität. Viele Tränen, viel Schmerz, aber von Stunde zu Stunde wächst auch die Dankbarkeit. Und ich spüre ganz deutlich, wie mit allem, was ich abgebe, auch Last abfällt, wie ich immer leichter werde.

Wie wird es sein, meinen Körper noch einmal zu feiern und dann gehen zu lassen? Wie, alle Kontrolle restlos aufzugeben, nichts mehr beeinflussen, bestimmen zu können? Wie wird der letzte Atemzug sein - und was kommt danach?

12 Menschen beschäftigen sich am 11. März 1997 in einem Tagungshaus in Königsdorf südlich von München mit solchen Gedanken. Sie bereiten sich auf ihren imaginären Tod vor. Anders als im richtigen Leben, in dem die Stunde des Todes normalerweise ungewiss ist, können die 12 in Ruhe alles erledigen, was zu erledigen ist, bevor sie aus dem Leben gehen. Sie haben die besondere Chance, genau zu wissen, wann sie sterben werden. Und zwar am vierten Abend des Workshops "Tod und Auferstehung", entwickelt von Paul Rebillot, dem Meister moderner Transformationsriten, geleitet von Franz Mittermair und Torsten Zilcher, beide Gestalttherapeuten und Rebillot´s Schüler.

Wozu das ganze? Wozu diesen Leidensweg auf sich nehmen? Die Antwort: es gibt kaum einen kraftvolleren Weg der Transformation, als sich mit dem eigenen Tod zu konfrontieren.

Keine Entwicklung ist möglich, ohne das alte aufzugeben. Altes muss sterben, um neuem Platz zu machen. Keine Freiheit ohne Abschied, keine Neuordnung ohne Zerstörung der alten Struktur. Keine Transformation ohne Verbrennen des alten Lebens, wie schon im Phönix-Mythos beschrieben. Und nichts mahnt so nachdrücklich an, das Leben nicht zu vergeuden, sondern wirklich zu leben, als der Tod. Schon für Don Juan bei Castaneda ist der Tod der beste Ratgeber, den wir haben. Für Dürckheim war das Leben im Grunde Vorbereitung auf den Tod. Bei den tibetischen Buddhisten gipfelt der spirituelle Weg im Moment des Todes und alles vorherige ist letztlich Vorbereitung auf diesen Moment.

Seltsamerweise hängen gerade Menschen, die ihre Zeit totschlagen, am meisten am Leben. Je größer die Angst vor dem Leben, desto größer auch die Angst vor dem Tod. Dies ist jedoch nicht verwunderlich, denn gerade was nicht erfüllt ist, bindet uns am stärksten. So können die "Anhaftungen", die nach den Buddhisten alles Leid verursachen, vor allem durch Erfüllung losgelassen werden. Und deshalb wird im Prozess "Tod und Auferstehung" alles noch einmal genossen und gefeiert, bevor es verabschiedet wird.

Der Tod hilft, wesentliches von unwesentlichem zu unterscheiden. Was hätte ich in meinem Leben unbedingt verwirklichen sollen, um zufrieden und satt zu gehen? Was gibt meinem Leben den Sinn? Was in meinem Leben würde ich beibehalten, bekäme ich noch einmal eine Chance, was würde ich verwirklichen, was ändern und worauf könnte ich getrost verzichten? Das sind Fragen, die unweigerlich auftauchen, wenn sich die Teilnehmer dem Tod nähern.

Die Beschäftigung mit dem Sterben zur Klärung des Lebens ist keine neue Idee. Der Workshop "Tod und Auferstehung" greift auf uralte Quellen zurück.

Tod und Wiederauferstehung ist Kern uralter und mächtiger Mythen. Schon in einer der ersten überlieferten Sagen, im etwa 4000 Jahre alten sumerischen Mythos von Inanna, gibt diese alles ab, was sie hat und steigt in die Unterwelt hinab zu ihrer dunklen Schwester Ereshkigal, stirbt dort und wird erst drei Tage später wieder ins Reich der Lebenden geholt. Im Mythos der Inanna dient dies dazu, daß Inanna ihre eigene dunkle, nicht gelebte Seite kennenlernt und integriert und so zu einem vollständigen Menschen wird. Zweitausend Jahre später folgt ihr Jesus von Nazareth, der alles aufgibt, zuletzt sogar seine Hoffnung. "Mein Gott, warum hast du mich verlassen". Auch er geht für drei Tage ins Reich der Toten, bevor er aufersteht in Herrlichkeit. Das Ziel? Er-Lösung.

Tod und Auferstehung - das ist der Kern, die Essenz aller Initiationsriten. Das alte Leben stirbt. Alles ist abzugeben. Alle Bindungen, Anhaftungen, alten Muster, alle "Besitztümer", Konzepte, sogar der Glauben. Das alte Leben wird verbrannt, geht in Rauch auf, wird gereinigt. Verwirrung tritt ein, Unsicherheit, dann eine unglaubliche Leichtigkeit, schließlich Leere. Nach einer Phase der Ruhe kann dann ein neues Leben beginnen. Ein Leben auf einer neuen Stufe - sozial, emotional, spirituell.

Alle Übergangsriten, seien es die Initiationsriten der Naturvölker, die Lehrreisen der Schamanen oder moderne Riten wie die Heldenreise oder der Phönix-Prozeß folgen diesem Schema in der einen oder anderen Ausformung. Tod und Auferstehung ist die Essenz. Zerstörung der alten Form, Chaos, Ruhe, Neuordnung.

Wie ergeht es den Teilnehmern der "Tod und Auferstehung" - Struktur weiter? Wenn sie mit ihrem alten Leben abgeschlossen haben, folgen die letzten Stunden in Sammlung und Achtsamkeit. In einem Atemprozeß ähnlich dem holotropen Atmen von Stan Grof erleben sie den Todeskampf und den letzten Atemzug. Was dann folgt hat faszinierende Parallelen zu den Nahtoderlebnissen, wie sie in einer umfangreichen Literatur beschrieben werden. Viele haben Visionen von Licht, Frieden, Leichtigkeit, erleben wunderbare Dinge, sie begegnen Menschen, die bereits gestorben sind, reisen durch das Weltall.

Nach einer Nacht in Stille kommt der eigentliche Lohn. Das neue Leben. Und dieser Lohn ist herrlich. Die strahlenden Augen der Neugeborenen sprechen Bände. Den Körper, die Sinne neu zu entdecken ist ein unbeschreiblicher Genuß. Im Grunde ist es zwar nur eine Frage der Wahrnehmung. Denn das Leben ist ein überaus kostbares Geschenk. Und wir sind frei, zu sein, wer wir sind. Doch es nicht nur zu denken oder zu wissen, sondern durch und durch zu spüren, das ist der Lohn der Konfrontation mit dem Tod. Und keiner hat es bereut.