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Die Heldenreise

Paul Rebillot - Meister des modernen Rituals

Artikel von Franz Mittermair, erschienen 1994

Der Raum ist festlich geschmückt. Klassische Musik, Kerzen, eine große Tafel. In der Mitte die vier Elemente, Feuer, Wasser, Erde und Luft. Ein Thron. Daneben eine Schale mit Öl und ein Kelch mit Wein. Ein gutes Dutzend sehr interessanter Personen in verschiedensten Gewändern. Gedämpfte Aufregung. Das Heldenbankett bei Rebillot´s Heldenreise. Eine Heldin, ein Held nach dem anderen wird verkünden, aus welchem Land sie stammen, wonach sie suchen, wie ihre Botschaft an die Welt lautet, wie ihnen die anderen Helden behilflich sein können. Und sie werden eine gespannte Zuhörerschaft haben.

Mit Helden hatte ich ursprünglich nichts im Sinn. Das waren für mich laute, hirnlose, muskelbepackte Rambos oder die sehr viel stilleren Bewohner der nach ihnen benannten Friedhöfe. Beides nicht gerade meine Vorbilder. So mußte ich erst einmal einigen Schutt beiseite räumen, bis ich entdeckte, welcher tiefe Sinn hinter den Heldenmythen steckt, die in vielen Kulturen zu finden sind. Was die Heldenreise wirklich bedeutet.

Paul Rebillot´s Heldenreise-Ritual folgt diesen uralten Heldenmythen. Da gibt es immer einen Helden, der oder die zu einer wichtigen Aufgabe gerufen wird. Und einen Gegenspieler, bei der "Heldenreise" der Dämon genannt, der ihn davon abhalten will. In den Mythen ist dieser Widerpart zum Beispiel der Drache oder der Zwerg, der den Schatz bewacht. Diese Gestalten gibt es auch in jedem einzelnen Menschen, gleich ob Mann oder Frau. Den Teil, der Veränderung, Weiterentwicklung, Transformation sucht und den Bremser, den Widerstand, wie er psychologisch genannt wird.

Auch der Begriff des Rituals war noch lange für mich vorbelastet. Irgendwie spukte in meinem Kopf immer der "Ritualmord" herum, Lieblingsthema schmieriger Illustrierter in den Sechzigern. Inzwischen bin ich völlig überzeugt von der Heilkraft und dem Entwicklungspotential der Rituale, seien es die von Naturvölkern, sei es das rituelle Theater der alten Griechen oder seien es moderne Rituale. Und von Rebillot´s Ritualen bin ich geradezu begeistert. Für den Fall, daß sich meine Begeisterung zu sehr in diesem Artikel niederschlägt, bitte ich um Verzeihung.

Was sind denn nun Rituale? Das Lexikon versteht darunter "Vorgehen nach fester Ordnung" (Meyers). Das könnte natürlich vieles sein. Andere Definitionen, an deren Urheber ich mich nicht mehr erinnere: "Rituale dienen dazu, Energie zu sammeln und in eine bestimmte Richtung in Bewegung zu bringen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen" und "Rituale dienen dazu, die horizontale, weltliche Ebene mit der vertikalen, göttlichen, in Verbindung zu bringen". Bei dem "Vorgehen nach fester Ordnung" geht es hier also darum, göttliche Kräfte nutzbar zu machen. Die wichtigsten Rituale der Naturvölker dienten der Entwicklung von Individuum und Gruppe sowie der Heilung. Einen hohen Stellenwert nahmen dabei Zeremonien zu den Übergängen im Leben wie Geburt, Hochzeit oder Tod, vor allem aber zur Initiation ein.

Unsere derzeitige Kultur ist arm an bedeutsamen Riten. Häufig sind nur noch sinnentleerte Bräuche übriggeblieben. Bei der Entwicklung der Persönlichkeit, bei der Bewältigung der Übergänge, bei der Suche nach dem Sinn des Lebens, nach dem Göttlichen sind wir ziemlich alleingelassen. Daher auch das intensive Interesse an Naturreligionen, am Schamanismus. Was uns fehlt, ist so etwas wie die indianische Visionssuche. Ein Ritual, das uns wie die Vision Quest ermöglicht, mit den Kräften des Göttlichen zu reden und ihnen ermöglicht, mit uns zu reden. Uns erst einmal zu sagen, was unsere Aufgabe im Leben ist. Und uns später immer mal wieder dabei zu helfen, Dinge klarzukriegen, bei denen wir alleine überfordert sind.

Mit der Heldenreise hat Rebillot so etwas wie eine Visionssuche für uns postindustrielle Abendländer geschaffen. Sie ist ein Transformationsritual zur Suche nach dem inneren Selbst, nach der wahren Aufgabe, nach dem Göttlichen in uns, dem Gral.

Ursprünglich entwickelte Rebillot die Heroes Journey, um Ärzten und Schwestern, die mit psychisch Kranken arbeiteten, Verständnis für die Vorgänge in einer psychischen Krise und das Transformationspotential bei deren Bewältigung zu ermöglichen. Erst später entdeckte er, daß er ein universelles Ritual für die verschiedenen Übergänge im Leben geschaffen hat.

Aber jetzt zur Geschichte der Heldin, des Helden. Zuerst mal ist sie oder er gar keiner, sondern ein ganz normaler Mensch. Häufig gut angepaßt, mit Job, Haus, Partner, Zweitwagen, zweikommadrei Kindern. Manchmal allerdings auch der letzte Sohn des Königs, einer, der bei einer Reise nur gewinnen kann. Doch die meisten kommen aus "ganz normalen Verhältnissen". Nur: irgend etwas fehlt. Irgendwo ist eine unbestimmte Sehnsucht, die Ahnung oder die Gewißheit, daß es noch mehr gibt im Leben. Und dann kommt der "Ruf". Vielleicht eine innere Stimme, vielleicht Gott, der ganz laut anklopft, vielleicht ein Freund, der sagt, du, ich war da bei einem Guru in Indien oder in einer indianischen Schwitzhütte, vielleicht auch die Ausschreibung einer "Heldenreise" im Connection-Programm.

Damit beginnt aber die Reise noch nicht. Denn jetzt kommt der erste Level des Widerstands. "Ich kann doch nicht von der Arbeit weg, was das wieder kostet, wie das wohl ausgeht ... " An diesem Punkt tauchen in den Heldenmythen meist Helfer auf. Bei heutigen Helden sind das Leute, die erzählen, du, das habe ich auch gemacht, es war super. Oder der Kollege, der in der Arbeit einspringt. Erst wenn sich die Person wirklich auf den Weg macht, ist sie zum Helden geworden.

Bei der Heldenreise wird dieser Held dann in "Reinform" entwickelt. Mittels Phantasierreisen, Tanz und Affirmationen werden die positiven Selbstbilder der Teilnehmer herausgearbeitet und verstärkt. Das Ergebnis sind edle Gestalten mit großen Zielen und magischen Kräften - aber irgendwie noch nicht der richtigen "Power". Kein Wunder, denn die steckt zu einem guten Teil im Dämonen, im Widerstand, der sich als unglaublich lebendig und energiegeladen herausstellt. Auch die Dämonenseite bekommt natürlich ihren Platz. Ihre Gestalt kristallisiert sich über Arbeit an den Körperblockaden heraus. Höhepunkt ist der Tanz der Dämonen. Es ist kaum zu glauben, wieviel Spaß es macht, so richtig mies zu sein.

Irgendwann nun steht der Held vor dem Eingang ins Land der Wunder. Vor der Höhle, in der er seinen Schatz finden kann oder vor dem Wald, in dem seine wahre Bestimmung offenbar werden wird. Zu seinem Schutz hat er ein persönliches "magisches Werkzeug" erhalten, ein Ding mit einer besonderen Kraft. Auch ein "spiritueller Begleiter" steht ihm zur Seite. Er will hinein, will über die Schwelle gehen, doch der Dämon sagt "Stop! Du nicht!". An der Konfrontation führt kein Weg vorbei. Ziel ist nun nicht, daß der Held den Dämonen tötet. Die ganze Weisheit und Energie des Widerstandes ginge verloren, wenn er einfach zerstört würde. Es geht um Integration der beiden Teile. Diese Integration ist harte Arbeit, aber sie führt zu völlig neuen Perspektiven. Häufig ist da plötzlich sehr viel Liebe für den "Bremser", denn er ist schließlich der Teil von uns, der uns vor Verletzungen schützt und der die Trauer über alte Wunden trägt. Wenn er oft auch zu viel des Guten tut.

Ist der Konflikt gelöst, so kann sich der Held auf den Weg ins Land der Wunder machen. Wurde der Dämon allerdings überwältigt oder umgangen oder gab es nur einen faulen Kompromiß, so muß dort mit weiteren Prüfungen rechnen.

Was im Land der Wunder passiert, ist von Held zu Held verschieden. Es gibt Visionen aller Art. Es wird geschwebt, geflogen und getaucht, er sieht phantastische Landschaften und Gebäude. Oder es werden besondere Körpergefühle erlebt. Doch so faszinierend es auch sein mag - die Helden kehren wieder zurück. Mitnehmen können sie eine wichtige Botschaft für ihr Leben und ein inneres Geschenk, das ihr Leben zuhause ein Stück verändern oder verzaubern kann.

Sowohl die indianische Visionssuche nach Art der Lakota als auch die Heldenreise Rebillot´s habe ich mehrmals selbst durchlebt. Beides hat mich auf seine Art ein gutes Stück weitergebracht. Die zwei Rituale haben viele Gemeinsamkeiten: intensive Vorbereitung, ein schützender Rahmen, Unterstützung durch die Gemeinschaft oder Gruppe, der Kampf mit dem "inneren Schweinehund", "magische Werkzeuge" (bei der Visionssuche die heilige Pfeife), das Hinausgehen zu einem besonderen Ort, an dem man allein ist mit den göttlichen Kräften, und die Rückkehr mit einer Botschaft oder einem "inneren Geschenk". Die Visionssuche ist eine Art Heldenreise und die Heldenreise eine Art Visionssuche. Natürlich gibt es auch wesentliche Unterschiede. Ein wichtiger: die Heldenreise stammt aus unserem kulturellen Hintergrund und fällt uns deshalb leichter. Wie auch immer man das bewerten mag.